Neu

26-06-2015 13:30

Im Anlass an die Kennzeichnung des 26.Juni – Internationalen Tages gegen Folter Es ist skandalös, dass der Staat Bosnien und Herzegowina trotz der gerichtlich festgelegten Tatsachen noch immer nicht das Gesetz über Rechte der Folteropfer verabschiedet hat und damit die Existenz der Konzentrationslager und der dort getöteten Opfer leugnet...

Weiterlesen...

K.H. aus Srebrenica, geboren 1945. Verbrachte den Krieg in Srebrenica zusammen mit ihrer Familie.


"Wir haben schlimme Leiden überlebt. Welch ein Kampf für die Existenz und Überleben dies war, kann man vielleicht am besten durch die Tatsache zeigen, daß ich siebenmal  zu Fuß nach Voljavica und andere Dörfer ging, um Nahrung zu besorgen. Ich lief zwei Tage lang, um ca. 20 kg Maismehl nach Hause zu bringen. Über die ständige Gefahr durch Granaten und Bomben muß man gar nicht sprechen.

Am 11. Juli 1995 gegen Mittag war ich zusammen mit meinem Ehemann, Bruder und seiner Ehefrau und Kindern in der Wohnung in der Baratova Strasse, als mein Sohn in die Wohnung hineingestürmt kam und uns fragte: "Auf was wartet ihr denn? Sie kommen schon vom Berg in die Stadt runter. Wollt ihr, daß man euch abschlachtet?"

Als wir auf die Straße liefen, fiel eine Granate in unserer Nähe. Wir mußten uns zuerst verstecken, dann gingen wir aber wieder in Richtung Potocari. Bei der Tankstelle trennten sich die Männer ab, die über die Wälder gehen wollten. In diesem ganzen Chaos vergaß ich, mich von meinem Sohn zu verabschieden. Ich wandte mich um und sah, wie er sich entfernte. Ich schaffte es noch, ihm zuzurufen: "Viel Glück, mein Sohn!" Er wandte sich um und winkte mir nur mit der Hand zu. Sein Profil und der erhobene Arm ist das einzige Bild, mit dem ich heute noch lebe.

Wir beeilten uns in Richtung Vezionica und des UN-Camps. Dort gestattete man uns nicht, in den Kreis der UN vorzudringen, so daß die Volksmasse gewaltsam über die Zäune eindrang. Die UN-Soldaten fingen an, sich in Panik nach Potocari zurückzuziehen. Das Volk hängte sich an die Lastwagen. Drei Granaten fielen auf und um die Basis. Ich merkte, wie UN-Flugzeuge über Srebrenica fogen. In einem Moment war ich erleichtert, da ich dachte, daß wir zumindest lebendig Potocari erreichen werden.

In Potocari war ich mit der Familie im Kreis der Zinkfabrik. Wir konnten nicht einschlafen, da ständig Granaten in unserer Nähe fielen. Am Morgen gegen 9 Uhr benachrichtigten uns die Übersetzer, daß sich serbische Soldaten unter uns mischen werden und daß wir keine Angst haben sollen, da sie nur nach Informationen suchen. Wir saßen in einer Gruppe, mein Ehemann Sead, mein Bruder, seine Frau, ihre beiden Töchter und ich, und schwiegen. Wir hatten keine Kraft für ein Gespräch. Jeder war allein mit seinen Gedanken und seiner Angst. Ich fühlte weder Hunger, Durst noch Hitze. Ich hatte keine Hoffnung, daß ich überleben werde, ich hatte aber auch keinen Willen zum Überleben. Die einzige Erleichterung war, als jemand die Nachricht verbreitete, daß die Männer, die über die Wälder gegangen sind, sicher das freie Territorium erreicht hätten. Viel später sollte ich erfahren, daß dies eine Lüge war.

Gegen 11 Uhr fingen die Tschetniks an, zwischen uns spazierenzugehen. Ein Nachbar (der ältere Sohn von Gargija) erkannte mich und fragte, ob auch ich ihn erkennen würde. Ich sagte, daß viel Zeit vergangen sei und daß er gewachsen wäre. Ein anderer fragte mich ebenfalls, ob ich ihn kennen würde und sagte mir dann, er wäre der Sohn von Srecko aus Solocusa. Sie fragten mich, wo mein Ehemann und mein Sohn seien. Ich antwortete, daß mein Ehemann dort sei, daß ich aber über den Sohn nichts wisse. Sie waren aber über alles gut unterrichtet, sie provozierten uns damit nur. Zum Schluß sagten sie mir, ich soll mir keine Sorgen machen, da ich das freie Territorium erreichen werde.

Gegen 17 Uhr des gleichen Tages führten die Tschetniks meinen Bruder Ekrem ab. Er kam bald zurück, um seine Jacke zu holen und sagte uns, wir sollen ihn nichts fragen. Er ging, ohne sich umzuschauen. Wir haben uns nicht einmal verabschiedet. Seine Tochter weinte die ganze Zeit über. Wir trösteten sie, aber auch wir konnten nicht aufhören zu weinen. In der zweiten Nacht verengten sie den Kreis, so daß wir gedrängt aneinander waren. Auch heute wenn ich mich an diese Nacht erinnere, überkommen mich Angst und Bangen. Ich sah UN-Soldaten, wie sie unter uns hin und her spazieren.  Ich fühlte eine Erleichterung, denkend, daß sie auf uns aufpassen. Müdigkeit überkam mich, so daß ich in einer Art Halbschlaf war. Dann hörte ich auf einmal Schreie. Ich riß mich hoch. Überall um mich herum war Geschrei. Ich versuchte, einige Frauen zu beruhigen, denkend, daß die Schreie von einer Kassette stammen.

Das Geschrei legte sich ein wenig, dann hörte man aber die Hilferufe einer Frau: "Leute, die UNPROFOR-Soldaten schlachten unsere Kinder ab. Sie haben gerade mein Kind getötet!"

Ich habe gedacht, diese Frau hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Man hat leider wirklich ihren 13jährigen Sohn abgeschlachtet, dies waren nur keine UNPROFOR-Soldaten, sondern Tschetniks in UN-Uniformen. Das haben wir am nächsten Morgen auch erfahren. Die Jammerlaute und Schreie wiederholten sich in dieser Nacht mehrmals. Die Tschetniks führten Mädchen, jüngere Frauen und Knaben ab. Geflüstert überbrachten wir einander, was geschieht.

Am frühen Morgen am 13.Juli weckte ich meinen Mann auf und wir gingen in Richtung der geparkten Fahrzeuge, die die Tschetniks für den Transport bestimmt hatten. Ich sagte, daß ich so eine Nacht nicht noch einmal überleben könnte. Wir konnten bis zur Rampe am Ausgang durchdringen. Als wir die Rampe überschritten, fühlte ich, als ob ich neuen Willen und Hoffnung für das Leben erhalten hätte. Ich dachte, wir wären gerettet. Mein Ehemann, die Töchter meines Bruders, seine Ehefrau und ich liefen in Richtung der Busse los. Drei bis vier Busse bei der Rampe waren jedoch geschlossen. Aus einem der Busse rief uns der Fahrer. Wir gingen mit schnellen Schritten auf diese Seite zu, eine Gruppe von Tschetniks  in schwarzen Anzügen hielt jedoch meinen Ehemann an. Einer von ihnen stieß ihn mit seinem Gewehr zur Seite, und mein Ehemann lief mit schnellen Schritten in einem Schockzustand auf die andere Seite. Er wandte sich nicht einmal um. Wortlos schaute ich ihm hinterher. Er ging zu der Gruppe der Männer, die auf der Wiese neben der Akkumulatorfabrik  versammelt waren.

Dieses Ereignis brachte mich wieder an den Abgrund. Ich verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit. Erst als der Busfahrer zuerst die Musik ein- und dann ausgeschaltet hatte, fing mein Gehirn wieder zu arbeiten.
In Kravica sah ich Kolonnen von Gefangenen zu beiden Seiten der Straße. Bei Konjevic Polje auf der Wiese auf der rechten Seite der Straße waren die Gefangenen auf Knien mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Ich habe mich sogar nicht getraut, dahin zu schauen, aus Angst, ich könnte unter diesen Männern meinen Sohn oder Bruder Mustafa sehen, den ich beim Abschied nicht einmal gesehen hatte. Insgeheim hoffte ich jedoch, daß die Männer vielleicht zum Schluß aus Potocari evakuiert werden würden.

Als ich nach Tuzla kam, habe ich dort niemanden von meinen Angehörigen angetroffen. Ich habe Krankenhäuser besucht, mich an verschiedenen Orten erkundigt, ich bekam aber über niemanden von ihnen eine Information. Die Hoffnung habe ich nicht verloren und warte noch immer auf sie, denn es kann nicht wahr sein, daß mir der Krieg meinen Sohn, Ehemann und zwei Brüder genommen hat. Manchmal werde ich von Panik ergriffen, daß ich auch über sie nichts erfahren werde, wie ich auch über meinen Vater, der seit April 1945 und dem Zweiten Weltkrieg vermißt ist, nie etwas erfahren habe."

E.K. geboren am 1.August 1976 im Ort Sase (Gemeinde Srebrenica). Gefangengenommen am 27. Mai 1992 zusammen mit ihrem Vater A.K. (1953) und ihrer Tante B.M. (1973) in Sase.


"Mit meinem Vater und meiner Tante wurde ich vor meinem Haus im Dorf Lasovac (Sase) gefangengenommen. Am gleichen Tag wurden wir zu der Leitung des Bergwerkes Sase gebracht. Unsere serbischen Nachbarn wie Pero Rankic, Dragan und Cane führten uns ab. Im Gebäude traf ich noch ca. zwanzig unserer moslemischen Nachbarn. Ich erkannte Nurif Omic und seine Ehefrau Fatima, ihre Töchter Nurfija und Nurdina, wie auch die Söhne Nurdin und Hajrudin, die Ehefrau von Salcin Omic und ihre drei Kinder, Gordana Omic, ihren Sohn Damir und Tochter Vesna, den 11jährigen Sohn von Rifet Salihovic - Rijad. Die Eltern von Rijad wie auch Mevlida, die Mutter von Salcin Omic, wurden schon sieben Tage früher von Stjepan Novakovic - Krke  getötet. Insgesamt wurden 6 Personen getötet.
Im Gebäude der Leitung wurden wir von Dragan Veselinovic verhört, im Großen und Ganzen darüber, wo die anderen Moslems, unsere Nachbarn, seien. Am nächsten Tag führte er meinen Vater Ahmo ab und befahl im, eine Botschaft an die anderen Muslime im Dorf zu überbringen. Diese Botschaft legte ihnen bei, sich zu ergeben. Sie gaben ihm ein Ultimatum, bis 7 Uhr abends zurückzukehren, ansonsten würden sie mich töten. Er brachte die Botschaft weg, kehrte jedoch nicht mehr zurück.

Am 29.Mai um 4 Uhr früh kam ein serbischer Kommandant Miroljub Todorovic - Toso in den Saal. Er rief mich und meinen Nachbar Semso Alic, dessen Bruder wie auch mein Vater die Aufgabe bekommen hatten, in das andere Dorf zu gehen und das Volk zum Ergeben zu rufen. Auch diese waren nicht zurückgekehrt.
Ihre beiden Soldaten brachten uns in die Ambulanz. Dort war eine Ärztin, die sich als Jelena vorstellte, und ein Soldat namens Goran. Wir blieben in der Ambulanz bis 18.00 Uhr, als Toso kam und uns wieder in das Gebäude der Leitung des Bergwerkes zurückbrachte.

Nach einigen Tagen sandten sie meine Tante in das Dorf Sandici, sie kehrte jedoch auch nicht zurück. In das Leitungsgebäude wurden noch einige gefangene Moslems aus Bratunac gebracht. Am 11.Tag unseres Aufenthaltes im Leitungsgebäude des Bergwerkes Sase kam Toso und rief 51 Personen von einer Liste auf, die angeblich nach Zvornik gebracht werden sollten, um dort ausgetauscht zu werden. Seitdem gibt es keine Spur mehr von ihnen. Nach 10 Minuten kehrte Toso in Begleitung von drei Tschetniks zurück und rief mich wie auch Rz.D. und Rm.D. auf. Sie brachten uns nach Bratunac in ein verlassenes moslemisches Haus und verteilten uns auf drei Zimmer. In diesem Haus wurde ich von Predrag, genannt Pedja aus Srebrenica vergewaltigt, welcher die gesamte Zeit über eine Pistole auf mich gerichtet hielt. Dies war am 6.Juni 1993. Zusammen mit Rz.D. und Rm.D. waren auch Sale und sein Bruder, dessen Namen ich nicht kenne. Sie beide wurden auch vergewaltigt.

Am nächsten Tag kam Dragan und versprach uns, er würde uns beschützen. Am gleichen Tag gegen 23.00 Uhr kam Krke mit  11 bewaffneten Tschetniks. Sie brachten uns in ein Haus, in welchem sie wohnten. Dort wurden wir drei wieder vergewaltigt. Ich wurde von vier von ihnen vergewaltigt: Sasa aus Sase, Krke aus Zalazje, Milan aus Sabac, den Namen des vierten weiß ich nicht, ich habe jedoch gehört, er wäre aus Srebrenica. Rz.D. wurde von Krke und Rm.D. wurde von vier Tschetniks vergewaltigt.

Am nächsten Tag kam Sale und brachte uns zurück in das Leitungsgebäude des Bergwerkes Sase. Dort fanden wir Gordana Omic und ihre Kinder Damir und Vesna wie auch Nr.O. und Nd.O. vor. Es kamen Toso und Dragan Rankic genannt Bato und riefen Nr.O. und Rm.D. auf, die Rampe vor dem Haus von Bato sauberzumachen. Pero Rankic, der Bruder von Bato Rankic, führte Nr.O. in das verlassene Haus in unmittelbarer Nähe seines Hauses ab und vergewaltigte sie dort. Nach bestimmter Zeit wurden sie in das Leitungsgebäude zurückgebracht. Nr.O. war zusammengeschlagen worden.

Am 11. Juni kam es zu Streit unter den Tschetniks. Zvonko aus Sase trieb uns mit Waffen aus dem Gebäude, wonach Pero Rankic aus einem automatischen Gewehr über unsere Köpfe hinweg schoß. Unter den Tschetniks kam es zum Gedränge, da sich Bato dem fortgesetzten Mißhandeln widersetzte. So schlug mich jemand im Bereich des rechten Auges. Aus meiner Nase kam Blut, so daß ich mit Blut vollgespritzt war. Rz.D. schlug vor, wir sollen ins Haus zurückkehren. Wir gingen in den vierten Stockwerk. In einem Raum fanden wir 15 Truhen mit Munition. Die Truhen schoben wir vor die Tür, um zu verhindern, daß sie diese öffnen können. Dies dauerte nicht lange, denn an die Tür kam Toso und sagte, wir sollen herauskommen, da er uns nach Bratunac bringen will.

Man verteilte uns auf vier Autos. Das Auto, in welchem ich mich befand, wurde von einem Mann aus Srebrenica gefahren. Ich weiß seinen Namen nicht, er hatte eine Halbglatze und war nicht sehr groß. Ich habe gehört, daß er bei Radio Srebrenica gearbeitet hat. Bei Durchfahrt durch Sase mußten wir unsere Köpfe beugen, da unsere Begleiter befürchteten, daß jemand auf das Auto schießen könnte. Wir kamen bei der Militärpolizei in Bratunac an, wo wir die nächsten drei Tage blieben. Später wurden wir in ein Gebäude neben dem Fußballplatz in Bratunac und dann zurück ins verlassene Haus neben der Militärpolizei gebracht. So verbrachten wir dort weitere fünf Tage. In der Zwischenzeit hatte Toso Gordana und ihre Kinder nach Belgrad gebracht. Am 19.Juni kam der Kommandant der Militärpolizei, um von uns Aussagen über die Ereignisse im Lager in Sase zu nehmen. Wir mußten sagen, daß alles in Ordnung gewesen und nichts Schlechtes passiert sei. Am gleichen Tag wurden wir mit einem Lastwagen nach Serbien gebracht. Wir sollten nach Valjevo gehen.

Um 23.00 Uhr kamen wir in Loznica vor dem Sportzentrum "Lagator", wo serbische Flüchtlinge untergebracht waren, an. Es wurde uns gesagt, daß wir serbische Namen annehmen müssen, was wir auch taten. So hieß ich Tanja. Dort verbrachte ich 45 Tage. Ein Tschetnik, genannt Svileni, führte Nr.O. und Nd.O. nach Svetozarevo ab, woher er auch selbst kam. Sie meldeten sich nach drei Tagen per Telefon aus einem Cafe.

In Loznica lernte ich auch meinen heutigen Ehemann kennen, ebenfalls einen Vertriebenen aus dem Ort Zepak. Wir gingen später nach Subotica, dann nach Ungarn. Nach drei Monaten kamen wir jedoch nach Tuzla, wo wir auch heute noch leben."

N.M. geboren 1947 in Podzeplje, Gemeinde Han Pijesak. Lebte seit ihrer Heirat im Dorf Bajramovici, Gemeinde Srebrenica, bis zum Fall von Srebrenica.


"Am 11. Juli 1995 ging ich mit meinem Ehemann und drei Söhnen von 20 bis 24 Jahren aus dem Dorf Bajramovici durch Wälder in Richtung Tuzla los. Als wir das Dorf  verließen, fing ein Granatenbeschuß an. Es gab viele Verwundete und Tote. Wir kamen im Dorf Kamenica an, wo uns Serben aus einem Hinterhalt aus angriffen. Es kam zu Panik. Wieder wurden wir mit Granaten und Giftgasen beschossen. Dort wurden meine beiden Söhne Alija und Fuad verwundet. Alija wurde in den linken Fuß getroffen. Mein Ehemann und ich verbanden seine Wunde. Fuad wurde im Bereich des linken Lungenflügels getroffen, so daß er nicht mehr laufen konnte. Auch ihn verbanden wir und gingen, ihn tragend, weiter. Den dritten Sohn haben wir während des Panikausbruchs aus den Augen verloren und haben ihn auch nicht mehr gesehen.

Kurz nachdem wir losgegangen waren, kam es wieder zu Panik. Durch einen neuen starken Beschuß gab es wieder viele Tote und Verwundete. Von Panik ergriffen wußten wir nicht mehr, was wir machen sollten. Dort blieben wir stehen. Es war auf einer Wiese in der Nähe des Dorfes Sandici. Mein Ehemann Hasan ging zum Teich, um Wasser zu holen, damit wir unseren Durst stillen und unsere verwundeten Söhne erfrischen können. Da es sehr viele durstige Verwundete gab, reichte das Wasser, was er mitgebracht hatte, nicht für alle, so daß er wieder zum Teich ging. Er kam jedoch nicht mehr zurück. Meine Söhne konnten auch nicht laufen, so daß wir dort auch die Nacht verbrachten.
Am Morgen des 13.Juli  riefen uns die Tschetniks zum Ergeben auf. Da meine Kinder verwundet waren, hatte ich keine andere Wahl, als mich zu ergeben. Wir mußten uns ergeben. Wir faßten irgendwie etwas Kraft und liefen runter auf eine Wiese in der Nähe der Asphaltstraße im Dorf Sandici und ergaben uns. Es gab dort in der Nähe ein kleines Häuschen. Da es draußen sehr warm war, ging ich mit meinen Söhnen hinein, ohne zu wissen, was mich da dort erwartet. Es gab dort noch viele unserer Leute, ich erkannte zum Beispiel die beiden Brüder Abid und Arif aus Kutlic, Hasib aus Rogatica und noch andere, deren Namen ich nicht kenne.

Während wir auf der Wiese in Sandici warteten, wurden viele der Menschen, die sich ergeben hatten, von den Tschetniks getrennt und in unbekannter Richtung geführt. Ein Mann versuchte zu fliehen, die Tschetniks erschossen ihn jedoch dabei.

In der Zwischenzeit kam ein Lastwagen mit Frauen und Kindern aus Potocari. Die Tschetniks hielten ihn an und befahlen uns, auch in diesen zu steigen. Ich kletterte mit meinen beiden verwundeten Söhnen auf den Lastwagen, der nach Tisca fuhr. Wir hofften, wir wären nun gerettet. Als wir in Tisca ankamen, führten die Tschetniks meine beiden Söhne ab. Als ich gesehen habe, wie sie sie abführen, bin ich in Ohnmacht gefallen, so daß ich nicht mehr gesehen habe, wohin sie sie bringen. Als ich wieder zu mir kam, mußte ich mit den anderen Frauen und Kindern zu Fuß in Richtung Kladanj gehen. Ich habe gehofft, daß zumindest mein Ehemann und Sohn Mirsad das freie Territorium und Tuzla erreichen werden. Mein Hoffen war jedoch vergebens. Von da an bis heute weiß ich nichts über sie.

Heute lebe ich allein in Tuzla und hoffe noch immer, daß jemand von den vier vermißten Mitgliedern meiner Familie auftauchen wird."

H.H. geboren 1966 in einem Dorf unweit von Bratunac. Als der Krieg angefangen hatte, befand sie sich in einem Dorf, in dem sie seit ihrer Heirat gelebt hatte. Dort bleibt sie auch bis 1995, bis sie nach Srebrenica vertrieben wird.


"In Srebrenica wohnte ich in der Nähe des Krankenhauses. Die meiste Zeit verbrachten wir in Kellern, wo wir uns vor serbischen Bomben und Granaten versteckt hielten. Wir lebten ohne Nahrung in einer sehr schwierigen Situation, später kam dann aber Hilfe mit Konvois und aus Flugzeugen. Die Versorgung mit Nahrung besserte sich, es kam jedoch zu einem anderen Unglück. Meine ältere Schwester wurde bei der Suche nach Flugzeugpaketen mit Nahrung getötet. Eine Palette mit Nahrung tötete sie.

Im Juli 1995, nach mehrtägigem Beschuß, griffen die Tschetniks Srebrenica an.
Das Volk war sehr erschrocken und suchte Zufluch im UN-Camp in Potocari. Bei Vezionica ging nach dem Beschuß meine Familie verloren. Es kam zu Chaos, und die Menschen zerstreuten sich in alle Richtungen. Ein Kind kam um, es gab aber auch viele Verwundete, über die man lief. In diesem Gedränge fand ich eine Freundin. Sie war auch alleine und sehr verängstigt. Wir hängten uns an einen Lastwagen, in dem sich Verwundete befanden und kamen so nach Potocari. Die Verwundeten wurden in der Akkumulatorfabrik untergebracht. Auch wir gingen hinein, denkend, wir wären dort sicher. Später haben wir gesehen, daß es besser gewesen wäre, wir wären zusammen mit dem Volk außerhalb der Fabrik geblieben, da wir so eher nach Tuzla gekommen und nicht diese schrecklichen Dinge gesehen hätten.

In der Fabrik verbrachten wir drei Tage und drei Nächte. Am zweiten Tag kam Ratko Mladic und gab einem Kind eine Schokolade. Nach 15 Minuten floh dieses Kind von der Mutter und rief dabei, sie wäre nicht seine Mutter. Am gleichen Tag sammelten sie die Verwundeten und brachten sie weg, während wir mit vielen Männern in der Fabrik blieben. In der Nacht führten sie Männer aus der Fabrik, die nicht mehr zurückkehrten. Ich konnte nicht eine der Nächte schlafen. Um 3 Uhr früh erhängte sich ein Mann. Dies war eine schreckliche Szene. Das Volk wurde von Panik ergriffen. Eine Frau fing an zu schreien und versuchte, sich mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Es trat so eine Panik auf, daß man nicht mehr wußte, was geschieht.

Als es dämmerte, sagte ich zu meiner Freundin, ich würde Wasser holen gehen. Ich ging durch die Tür, durch die man die vorhergehende Nacht Männer abgeführt hatte. Ich ging hinter einen Lastwagen und sah dort 5-6 abgeschlachtete Männer ohne Köpfe. Den Kopf abwendend, drehte ich mich um und sah vier Tschetniks, wie sie sitzen und trinken. Zwei Frauen kamen an ihnen vorbei, eine von ihnen war schwanger. Einer der Tschetniks fragte zornig, woher sie gekommen seien, und sie zeigten nur auf eine Flasche mit Wasser. Dann stand der zweite auf, faßte die Schwangere bei den Haaren und schlitzte ihr mit einem Messer den Bauch, aus welchem er zwei Babys herausholte, auf. Ich habe gehört, wie sie es nur noch schaffte zu sagen: "Mutter, rette mich." Dann sagte sie kein Wort mehr.

Ich floh zurück zu der Fabrik, ohne Wasser geholt zu haben. Meine Freundin sagte mir, die Evakuierung wäre abgeschlossen und wir müßten dort nun als Gefangene bleiben. Ich entschied mich, diesen Ort zu verlassen. An der Tür gab es Seile. Dort stand auch ein Soldat, der uns nicht gestattete, das Gebäude zu verlassen. Wir sprangen jedoch über die Seile und rannten zum Bus. Während ich rannte, merkte ich, daß ich auf die Hand eines abgeschlachteten Mannes getreten war. Auf der Straße befanden sich ein Bus und ein Lastwagen, um die nur wenige Leute standen. Unweit vom Bus entfernt zog mich jemand am Rücken und rief mich bei Namen. Vollkommen verängstigt drehte ich mich um und sah, daß es mein serbischer Nachbar war. Er fragte mich, wo meine übrige Familie wäre, und ich konnte nur die Achseln zucken, da ich nichts über sie wußte.

Er sagte mir, ich soll in den Bus und nicht in den Lastwagen steigen. Ein Tschetnik rief von der Seite, man soll uns in die Fabrik zurückbringen, mein Nachbar widmete dem jedoch keine Aufmerksamkeit, sondern brachte uns zum Bus und sagte mir, ich soll den grünen Pullover ausziehen, da man mich der grünen Farbe wegen mißhandeln könnte. Wir stiegen in den Bus und fuhren ab.

Meine Freundin war sehr verängstigt, so daß ich sie während der gesamten Fahrzeit ermutigen und zum Aushalten drängen mußte. Nach dem Ort Kravica stiegen Tschetniks in den Bus ein und fragten nach einigen Leuten aus Potocari. Sie suchten nach Gold, Geld und Dokumenten, und wer dies hatte, gab es auch ab. Zwei Tschetniks führten dann ein Mädchen, das ich nicht kannte, in den Bus. Sie war vollkommen naß und mit zerrissener Kleidung. Sie fiel im Bus auf den Boden. Als der Bus losfuhr, ging ich zu ihr und bot ihr an, sich hinzusetzen. Sie weinte und sagte: "Bringt mich um! Ich wurde vergewaltigt!" Auch ich weinte aus Mitleid für dieses Mädchen. Eine Bekannte kam zu ihr und kümmerte sich bis zum Ende der Fahrt um sie.

Wir kamen bis nach Kladanj und gingen dann zum Flughafen Dubrave bei Tuzla. Nach zwei Tagen fanden wir auch unsere Familien."

H.P. geboren 1964 in Cerska, Gemeinde Vlasenica. Verheiratet. Hat im Krieg drei Brüder, den Vater und zahlreiche Verwandten verloren. Auf dem Weg nach Tuzla hat er zahlreiche Hinterhalte überlebt und nach 130 Tagen das freie Territorium von Kladanj und Tuzla betreten.


"Am Dienstag, den 11.Juli, verließ ich das okkupierte Srebrenica und ging zum Dorf Susnjari, wo sich die anderen Männer für den Weg über die Wälder versammelten. Die Kolonne war 15 Kilometer lang. Gegen 7.30 Uhr am nächsten Tag kam ich bis zum Ort Kamenicko brdo. Im Wald Bjelave ruhten wir uns den ganzen Tag aus, worauf eine Aufstellung erfolgte. Dann kam es zu einer Diskussion und Meinungsverschiedenheit unter unseren Leitern, das Volk wurde darauf von Panik ergriffen. Der erste Teil der Kolonne war schon ziemlich entfernt. Gegen 8 Uhr abends wurden wir von Tschetniks aus einem Hinterhalt angegriffen. Wir waren von allen Seiten umzingelt. Einer der Leiter schlug vor, wir sollen uns verteilen und  weitergehen. In diesem Moment explodierte eine große Buche gefüllt mit Sprengstoff. Die Tschetniks nutzen die Situation des vollkommenen Chaos aus und griffen uns direkt an. Ich habe gemerkt, wie sie sich uns nähern und warnte die Menschen. Überall um uns herum flogen Schüsse. Ich legte mich auf die Erde. All jene, die standen, wurden durch Schnellfeuer niedergeschossen, nur jene, die sich hingelegt hatten, schafften es, das Massaker zu überleben. Das Gefecht dauerte einige dreißig Minuten.

Einer von uns rief: "Los". Wir waren zahlreicher als die Tschetniks. Ich lief geradeaus, während sich die anderen auf alle Seiten zerstreuten. In dieser Panik vergaß ich meinen Vater, Brüder und andere Verwandten. Ich kam über Felder zu Konjevic Polje an und entschied mich dann, zurückzukehren und zu sehen, wo mein Vater und meine Brüder waren. Innerhalb einer Stunde war ich wieder am Ort des Massakers. Es gab so viele Tote und Verwundete, daß man sie nicht zählen konnte. Es wurde Nacht. Ich fand den Rucksack meines Bruders Bajro, der neben drei Leichen lag. Ich schaute mir ihre Gesichter an, konnte jedoch unter ihnen niemanden erkennen. Von allen Seiten hörte man die Verwundeten rufen: "Brüder, helft mir bitte.". Ich fing an, nach meinem Vater und meinen Brüdern zu rufen, es antwortete mir jedoch niemand. Ich dachte mir, sie seien auf eine andere Seite geflohen. An diesem Ort konnte niemand niemanden erkennen, obgleich viele nach ihren Söhnen, Brüdern und Vätern suchten...
Ich entfernte mich von diesem schrecklichen Ort und ging in ein Wäldchen. Es war so gegen zehn Uhr abends. Ich weinte lauthals wegen all des Schreckens, Schmerzes und Leidens, welche mich und meine Familie wie auch mein gesamtes Volk getroffen hatten. Ein Mann von 40 bis 45 Jahren trat auf mich zu und fragte mich, weshalb ich weine. Er sagte, er hätte auch drei Söhne und einen Bruder verloren. Mit der Hand zeigte er auf den Ort, wo ihre Körper lagen. Das Verhalten dieses Mannes war sehr merkwürdig, und  ich dachte, er wäre betrunken. Er sagte aber, er wäre verrückt geworden. Ich riß mich von ihm weg, als ich sah, daß er aus seinem Mantel eine Handgranate holt. Er zog die Sicherung und die Handgranate explodierte unter seinem Bauch.

Ich setzte die Suche nach meinen Brüdern und meinem Vater fort. Bald traf ich auf einen 15jährigen Jungen, der mir sagte, sein Bruder wäre umgekommen. Die Tschetniks hätten, wie er sagte, geschossen und elf Menschen unweit des Ortes, wo wir uns befunden haben, getötet. Ich wies den Jungen in die Richtung, in die eine größere Gruppe unserer Leute gegangen war.

Aus dem Wald hörte ich einen Verwundeten rufen. Ich ging auf ihn zu. Es war Zaim Guster aus Cerska, mein Verwandter. Er war am linken Fuß und an der Schulter verwundet. Jemand sandte dann aus der Dunkelheit einen Befehl, wir sollen die Verwundeten tragen, wenn wir den ersten Teil der Gruppe erreichen möchten. Es wurde sogar gesagt, daß wenn wir es nicht tun, man uns hinrichten würde.

Wir nahmen 50 Verwundete mit, unter ihnen auch Zaim. Von den Leuten, die die Verwundeten getragen haben, konnte ich niemanden erkennen. Wir verließen den Wald und gingen über eine alte Landstraße nach Krajnovici. Vor uns trat plötzlich eine größere Gruppe von Menschen, die nach ihren Leuten fragten und unter den Verwundeten nach ihnen suchten. Ein 20jähriger Junge befahl, daß diese Leute die Straße freimachen sollen, damit wir die Verwundeten weitertragen können. Er wies uns links von der Straße auf ein Feld. Das Feld war mit Dornen und hohem Gras überwuchert. Ich merkte, daß zu beiden Seiten der Kolonne Soldaten waren, die uns folgten, während wir die Verwundeten trugen. Ich wußte nicht, wer sie sind. Wir gingen in Richtung Lolici zu einem Bach. Hinter uns hörte man plötzlich, wie einer der Verwundeten aufschrie: "Oh". Ich dachte zuerst, es wäre wegen der Schmerzen, dann folgte aber ein weiterer Aufschrei: "Oh, man hat mich mit einem Messer gestochen!"

Ich erkannte, wer um uns herum war. Ein Mann neben mir schrie auf: "Es sind Tschetniks unter uns!" Dann fingen die Soldaten an zu fluchen und ihre Messer herauszuholen. Ich legte meinen Verwandten ab. Um mich herum hörte man Röcheln und Schreie. Zaim dankte mir, daß ich ihn bis dahin gebracht hatte und meinte, ich soll seine Familie in Tuzla grüßen, wenn ich es schaffe, durchzukommen. Auf meiner linken und rechten Seite hatten zwei Tschetniks schon ihre Messer herausgeholt. Obwohl es mir schwerfiel, meinen Verwandten dort liegenzulassen, hatte ich keine andere Wahl. Ich schlug mich durch diese beiden und fing an zu rennen. Ich erwartete, daß sie hinter mir schießen würden, sie taten dies zum Glück jedoch nicht. Während ich floh, traf ich unsere Leute in einer Kolonne auf dem Weg nach Cerska. Es stellte sich heraus, daß ich an den Kopf der Kolonne gelangt war und daß die anderen nun mir folgten. Bei einem Bach standen ca. zehn Leute und riefen uns zu: "Hierhin, auf Kaldrmica sind auch Vejzo, Semso und Muhamed!"

Vor ihnen war jedoch eine Gruppe von Tschetniks, die die Leute vom richtigen Weg ablenkten und in Richtung Kravica wiesen. Sie repetierten ihre Gewehre und riefen: "Hände hoch!" Ich warf mich zur Seite und rettete mich vor dem Schnellfeuer, welches sofort folgte. Die Menschen  flohen in alle Richtungen. Die Tschetniks fingen an, herumzulaufen und uns zum Ergeben zu rufen. Einer lief gerade auf mich zu. Ich versteckte mich hinter hohem Gras. Ich warf meinen Rucksack mit Essen ab und kletterte auf einen Baum. Dieser näherte sich dem Baum und schoß einmal. Dann riefen ihn die anderen:
"Goran, komm zurück, wäre er noch lebendig, hätte er sich schon gemeldet. Wir gehen zurück, um auch die anderen einzufangen und sie nach Kravica zu bringen." So kehrte dieser auch zurück.

Ich traf später auf viele unserer Menschen, die in falsche Richtung gingen, geradeaus in die Hände von Tschetniks.
Es war noch immer Nacht - 13.Juli. Ich traf auf eine Gruppe von hundert Menschen, unter ihnen auch meinen Cousin Sakib Pehratovic. Da fühlte ich mich auch zum ersten Mal ein wenig glücklich, da zumindest noch jemand von meinen Verwandten lebt. Im Wald traf ich auf Hajrudin Celebic und zwei andere Jungen, die nicht wußten, ob sie sich den Tschetniks ergeben sollen. Ich ließ sie dort. Dann traf ich auf einen blonden Jungen aus dem Dorf Pobudje, der mich durch das Dorf nach Cerska geleitete. Im Dorf Islamovici waren viele unserer Leute, die es nicht geschafft hatten, den Fluß Jadar und die Asphaltstraße zu finden. Auf der Asphaltstraße waren Tschetniks mit Transportern, die uns zum Ergeben riefen.

Die Transporter waren aus dem UN-Camp in Potocari mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Eine größere Gruppe ergab sich, ich blieb mit noch einem anderen Jungen im Wald.
Am Donnerstag nachmittag fuhren drei Busse voller unserer Menschen aus Konjevic Polje und bogen ab nach Cerska. In Begleitung der Busse war auch ein Transporter, später folgte auch ein Bagger. Wir wußten, daß die Tschetniks sie alle töten werden. Bald hörte man Schnellfeuer aus Gewehren, danach auch aus Luftabwehrwaffen. Das Schiessem dauerte ca. eine halbe Stunde. Die leeren Busse fuhren zurück.

Ich versteckte mich ca. 15 Tage in Borici bei Pobudje, dann ging ich über die Asphaltstraße nach Cerska. Ich aß Wildbirnen, -äpfel und Schnecken, um zu überleben. Auf dem Berg Udrc war ich ca. 20 Tage lang. Ich stieg ab und zu in die abgebrannten moslemischen Dörfer. Die Tschetniks bemerkten und umzingelten uns, um uns lebend einzufangen. Bei diesem Hinterhalt war ich gerade beim Baden. Ich habe es geschafft zu fliehen, hatte dann jedoch  nur die Unterwäsche an. So bekleidet oder besser gesagt nackt verbrachte ich zwei Tage auf dem Berg Udrc. Ich kehrte zurück, nachdem die Serben gegangen waren und fand auch meine Kleidung wieder.

Wegen Nahrungsmangel kehrten unsere Menschen nach Srebrenica zurück. Ich entschied mich, in Cerska zu bleiben. In einer Mühle traf ich auf sechs Männer. Dort verbrachten wir den Herbst und blieben solange, bis der erste Schnee gefallen war. Wir aßen alles, was wir in der Natur finden konnten. Als der erste Schnee gefallen war, machten wir uns auf einen Weg des Lebens und Todes. Es war der 13.November 1995. Barfuß und nackt, durchgefroren machten wir uns auf in Richtung Westen. Wir durften kein Feuer machen, um nicht entdeckt zu werden. Der Schnee erschwerte unsere Fortbewegung. Nach fünf Tagen konnten wir ins freie Territorium in der Nähe von Kladanj vordringen."

M.C., Hausfrau, geboren 1958 im Dorf Joseva. Heiratete ins Dorf Karacici. Mutter von vier Kindern. Lebte nach der Vertreibung aus Karacici in Srebrenica seit Frühling 1993 bis zum Sommer 1995.


"Am 11. Juli 1995 wurden wir aus Srebrenica in das UN-Camp in Potocari vertrieben. Mein Ehemann, meine Brüder und mein Onkel gingen über Wälder mit den wehrfähigen Männern. Die Tschetniks entwaffneten die Holländer und liefen in ihren Uniformen durch das Volk, wobei sie uns sagten, daß uns nichts passieren würde.

Am Mittwoch, den 12.Juli, tauchte Ratko Mladic auf. Er begann damit, Saft und Bonbons an die Kinder zu verteilen, dem Volk warf er Brot zu. 'Habt keine Angst, niemand wird euch etwas zuleide tun', sagte er. Er blieb kurz und ging dann. Sofort nach seiner Abreise begannen die Tschetniks damit, Gruppen von Männern abzuführen. Sie suchten sich aus, wen sie wollten. Sie führten die Leute ab und brachten einige wieder zurück. Einige kehrten nie wieder zurück. Ich habe gesehen, wie sie Nezir aus Tokoljaci, der in Srebrenica im Ucina-Feld gelebt hat, abgeführt haben. Nach ca. 15 Minuten brachten sie ihn zurück. Vor der Abenddämmerung des gleichen Tages wurde er wieder abgeführt und kehrte nicht mehr zurück. Die ganze Nacht über hörte man Geschrei und Hilferufe. Ein Mann rief nach seinem Sohn, dessen Namen man nicht verstehen konnte. Dann habe ich mich zusammen mit meinen Töchtern, meiner Schwiegermutter, der Schwester und ihren Kindern und der Schwiegermutter entschieden, gegen fünf Uhr früh aufzustehen. Wir haben uns nicht hingesetzt, bis wir in die Busse einstiegen sind.

Zehn bis fünfzehn Meter vom Bus und Lastwagen entfernt faßten wir uns an den Händen, um dem Gedränge auszuweichen und einander nicht zu verlieren. Beim ersten Versuch haben wir es nicht geschafft, in den Bus einzusteigen.

Es war so ein Gedränge, daß man es ohne Wasser nicht aushalten konnte. Ich ging zu einem Haus in Richtung von Budak, um Wasser zu holen. Es war gegen acht oder halb neun Uhr morgens. Die Sonne schien schon sehr heiß. Viele Menschen gingen in dieses Haus, um Wasser zu holen. Um das Haus herum standen auch  Tschetniks, die dem Volk zuriefen:
- Los, los, holt Wasser!

Im Haus gab es so viel Blut auf dem Boden, daß ich beinahe sagen könnte, knöcheltief. Überall lagen verstreute schwarze Gürtel. Die Tschetniks haben wahrscheinlich mit Absicht dieses Haus für den Wasserbedarf geöffnet, damit wir diesen Schrecken sehen müssen.

Als ich Wasser eingoß, habe ich mich so sehr erschrocken, daß ich am ganzen Körper zitterte. Ich kehrte zurück zu der Menschenmenge. Meine Töchter und meine Schwiegermutter fingen an zu weinen, da sie Angst hatten, wir würden uns im Gedränge verlieren. Wir gingen zuerst los, um in einen Lastwagen zu steigen, man sagte uns aber danach, wir sollen in ein Bus steigen. Beinahe alle Männer wurden bei Ankunft vor den Bussen und Lastwagen getrennt; es war sehr selten, daß sie jemanden durchgehen ließen.

In Bratunac kam ein serbischer Soldat in den Bus und fuhr mit uns bis nach Kravica. Als der Bus in Kravica anhielt, um ihn aussteigen zu lassen, bekam ich Angst, da ich mit meinen Töchtern auf dem letzten Sitz saß. Ich fürchtete, man könnte ihnen etwas zuleide tun.

Auf zwei - drei Orten waren Haufen von Rucksäcken und Säcken unserer gefangengenommener Männer. Die Männer waren mit nacktem Oberkörper oder in T-Shirts. Ich weiß nicht, ob sie tot oder lebendig waren.
Einer der Tschetniks sagte:
- Könnt ihr eure Männer erkennen?

Ich habe den Kopf nicht mehr hochgehoben und konnte auch nicht mehr aufschauen. Bis Milici war ich in einem Schockzustand. Als wir durch Milici fuhren, warf man mit Steinen auf uns und schimpfte.

Als wir in Tisca ankamen, kamen ca. zehn Tscheniks aus einer Baracke auf uns zu und sagten neben vielen Schimpfwörtern auch :
- Mensch, seid ihr viele, wir können euch ja bis Neujahr nicht alle abschlachten.

Wir betraten unser Territorium in Kladanj und gingen dann zum Flughafen Dubrave. Die Frauen weinten und schrien, denn erst da hatte man gesehen, daß keiner der Männer, die in Potocari waren, mit uns gekommen war. Es kamen bloß drei - vier Kinder. Ein achtjähriger Junge  wurde zusammen mit seinem Vater in Potocari gefangengenommen. Ihn hatten sie dann durchgehen lassen, den Vater jedoch behalten. Der Sohn von Sead Krdzo aus Osmaci war ebenfalls unter uns, während sein Vater in Potocari geblieben war. Von meinen männlichen Familienmitgliedern, die über die Wälder gegangen sind, ist niemand gekommen."

F.O. aus Cerska, geboren 1956. Mutter von vier Kindern. Lebte seit März 1993 als Flüchtling in der Stadt Srebrenica bis zu dem Fall dieser Stadt. Ihr Ehemann Mujo wird seit Juli 1995 vermißt.


"Wir ergaben uns der UNPROFOR in Potocari mit der Hoffnung, sie werden uns vor Verbrechen und Mißhandlungen beschützen. Am ersten Tag in Potocari wurde ich von Tschetnik - Herzögen erniedrigt. Als ich ein Haus betrat, um eine Decke zu finden, wurde ich von Tschetniks gefangengenommen. Einer von ihnen setzte mir einen Gewehrlauf an den Hals und zwang mich dazu, mit ihm das Haus zu betreten. Er forderte Geld von mir, und als ich ihm sagte, daß ich keines hätte, begann er damit, mich durchzusuchen. Er fand kein Geld und befahl mir, meine Schuhe auszuziehen. Daraufhin faßte er mich bei der Brust und warf mich auf die Treppen. Am Ende sagte er mir, daß ich darüber, was passiert ist, mit niemandem sprechen dürfe, da er mich ansonsten unter den Menschen finden und mir die Kehle durchschneiden würde.
Ich habe diesen Tschetnik, der mich durchsucht und mißhandelt hat, erkannt. Es war der Sohn von Drago Gajic. Er fragte mich, woher ich komme, und als ich ihm antwortete, ich wäre aus Cerska, sagte er, daß am Ort Grobic viele ihrer Leute umgekommen seien und daß sie deshalb die "männliche Saat" in Cerska ausrotten werden. Nach diesem Zwischenfall im Haus habe ich mich so erschrocken, daß ich nicht mehr wußte, wo ich mich befinde. Ich kehrte zu unseren Leuten zurück, und sie fragten mich:
- Weshalb bist du denn so bleich?
Ich erzählte ihnen, was passiert war. Ich bereitete für meine Kinder Brot vor. Mein Ehemann schaute zu, wie sie essen und sagte vorahnend:
- Eßt, vielleicht werden wir nie wieder zusammen essen können!
Später gingen wir in Richtung der Barrikaden, wo ich unter den Tschetniks Dusan Golic, einen Lehrer aus Cerska, der aus Milici stammte, erkannte. Er tat so, als ob er niemanden erkennen würde und wandte den Kopf von uns ab. Meinen Ehemann Mujo trennten sie ab, und ich ging alleine mit den Kindern in Richtung der Busse. Nach diesem Tag habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Wenn heute diese Ereignisse zur Sprache kommen, ergreifen mich Angst und Schauder. Ich habe gesehen, wie Zuhdija Turnadzic über eine Wiese rennt. Die Tschetniks schossen auf ihn und riefen ihm zu, er soll stehenbleiben. Dann gingen zwei von ihnen auf ihn zu und befahlen ihm, die Arme hochzuheben. Sie führten ihn in ein Maisfeld, und als sie zurückkehrten, habe ich gesehen, wie ein Tschetnik sein Messer mit Maisblättern abwischt.
In Potocari habe ich noch eine schreckliche Szene gesehen. Auf einer Wiese lagen Männer und Frauen mit durchgeschnittenen Kehlen, neben ihnen schlachtete ein Tschetnik im weißen Mantel eine Kuh. Eine weitere Frau gesellte sich zu mir. Der Tschetnik drehte sich dann um, sprach eine Gotteslästerung aus und sagte:
- Was schaut ihr so? Diese Kuh hat genauso wie die Leute, die hier liegen, Blut gelassen.
Ich habe viele ältere Menschen aus Cerska gesehen, die von Tschetniks in Potocari getrennt wurden: Hamid, Saban, Bego Ibrahimovic und Rahman Baltic."

H.F. geboren 1946 in Srebrenica, über das Massaker am 12.April 1993:


"Der 12.April 1993.  Ein schöner und sonniger, ungewöhnlich ruhiger Tag. Auf dem Schulsportplatz Feier und Musik. Das Volk hat von der Demilitarisierung Srebrenicas gehört, so daß man sich versammelte, um ein wenig zu feiern.
Auf einmal, am frühen Nachmittag (gegen 15 Uhr) ergießt sich ein Granatenhagel auf die Stadt. Ich wußte nicht einmal, wo sie hinfallen. Kurze Zeit nach den ersten Granaten rast ein UN-Transporter in Richtung der Stadt. Die Straße hoch-runter rast auch ein Kombiwagen, mit dem vor dem Krieg Brot ausgefahren wurde und welcher nun im Krieg von Ramo genannt Hljebara gefahren wird. Er transportiert Verwundete.

Ohne Rücksicht auf die Granaten, die noch immer geschossen kommen, stehe ich vor meinem Haus. Vom Nebenweg aus der Richtung der Schule rennt das verängstigte und verzweifelte Volk. Ich frage, wo die Granaten gefallen sind. Sie antworten, daß einige auf den Schulsportplatz gefallen sind, daß es auch viele Tote und Verwundete gibt.

Es kommen zwei jüngere Männer an. In einem Schubkarren schieben sie einen dritten, dessen Arme bis zu den Ellenbogen blutig sind, sein Gesicht sieht man gar nicht vom verschmierten Blut. Er ruft ständig nur: "Gibt mir meine Augen zurück, gibt mir meine Augen zurück!"

Als ich dieses sah, entschied ich mich, zum Sportplatz zu gehen, um zu sehen, was passiert ist. Ich nahm den Nebenweg, die Straße neben den Häusern auf Vaseriste (wo sich auch mein Haus befindet). Ich kam zum Sportplatz. Lebendige Menschen gab es kaum, es gab mehr Tote, während die Verwundeten schon ins Krankenhaus gebracht wurden.

Leblose Körper über dem gesamten Platz zerstreut. Hier ein Kopf, dort eine Hand, ein Bein, ein Torso. Auf der Tribüne sitzen tote Menschen. Die einen ohne Kopf, die einen ohne einen halben Kopf, Hände, Beine. Ich gehe in den Kreis und laufe zwischen dem Haus von Savo Jeremic und dem Sportplatz, wo sich die meisten Toten befinden. Ich komme zur Hauptstraße heraus. Auf der Straße ein Kinderfuß (entspricht einem Kind von ca. 4 bis 5 Jahren) und nur das Skelett von der Wirbelsäule ab. Auf dem Fußgängerweg neben dem Zaun ein zugedecktes totes Kind. Der Granatenbeschuß beginnt wieder. Die wenigen Leute, die sich dort noch eingefunden hatten, fliehen nun.

Als am Abend der Granatenbeschuß abebbte, fragte ich die Passanten, die aus Richtung der Schule kamen, ob alle Toten weggebracht wurden. Die Antwort war: "Ja, sie sind alle weggebracht worden."

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob auch während der Nacht Granaten gefallen waren.

13. April 1993.
Gegen 10.00 Uhr gehe ich neben dem Sportplatz und dem Ort, an dem am vorhergehenden Tag ein Verbrechen an unschuldigen Zivilisten stattgefunden hatte, vorbei. Die Toten wurden weggebracht. Hunde haben sich an einige gebliebene Körperteile, die man wegen  Angst vor neuen Granatenangriffen nicht eingesammelt hatte, herangemacht. Der netzartige Zaun um den Platz herum war vollgeklebt mit Hirn- und kleinen Körperteilen. Es traf mich sehr, dies alles zu sehen. Mir kam die Idee, daß Frauen den Sportplatz saubermachen könnten und daß ich dies organisieren muß. Ich lief und überlegte, was tun und wie weiter.

Beim großen Einkaufshaus treffe ich N.M., den Kriegschirurgen aus Tuzla. Ich erzähle ihm, was ich gesehen habe und was ich beabsichtige.

Er nannte mir die Zahl der Opfer und sagte, daß bald die Sitzung der Gemeindeversammlung stattfinden sollte. Er schlug mir vor, meinen Vorschlag dort auszulegen. Ich ging schnell ins Gebäude der Gemeindeverwaltung. Dort schrieb ich eine Forderung, das Einsammeln von Körperresten der getöteten  Zivilisten auf dem Sportplatz und ihre Bestattung auf einem gemeinsamen Ort zu organisieren.

In der Zwischenzeit kam ein Konvoi mit Nahrungsmittlen, der zu der Zeit leider mehr Aufmerksamkeit auf sich lenkte als das Einsammeln von Körperteilen der Getöteten. Ich schaffte es, J.B., den Direktor der Arbeitseinheit für Flüchtlinge in der Schule, zu kontaktieren. Mit Hilfe von drei Männern aus der Arbeitseinheit schafften wir es, die Körperteile einzusammeln. Wir steckten sie PVC-Tüten und legten sie in der Schulgarage ab, damit die Hunde sie während der Nacht nicht finden können. Am nächsten Tag gesellten sich uns noch drei Männer aus der Zivilverteidigung, und wir gingen gemeinsam los, um auf dem Friedhof eine Grube auszugraben. Mit diesen drei Männern aus der Schule und einigen Frauen schafften wir es, die gut konservierten Reste zu begraben und die Stelle zu markieren. Wir baten alle Teilnehmer dieser Zeremonie auf dem Friedhof, sich den Ort, wo wir diese Körperreste begraben hatten, gut zu merken. Denn jemand von uns muß den Krieg überleben, hiervon sprechen und dann den Ort zeigen, wo sich in einer PVC-Tüte die Körperreste unschuldiger Zivilisten befinden, die durch den Granatenbeschuß der Feinde umgekommen sind."

Zurück

 
Design by BuonArte.com
© Gfbv Bosna i Hercegovina All rights reserved
Trampina 4 / IV, 71000 Sarajevo, tel.: ++387 33 213 707, fax: ++387 33 213 709, e-mail: gfbv_sa@bih.net.ba, www.gfbv.ba
Gesellschaft für bedrohte Völker - BiH