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26-06-2015 13:30

Im Anlass an die Kennzeichnung des 26.Juni – Internationalen Tages gegen Folter Es ist skandalös, dass der Staat Bosnien und Herzegowina trotz der gerichtlich festgelegten Tatsachen noch immer nicht das Gesetz über Rechte der Folteropfer verabschiedet hat und damit die Existenz der Konzentrationslager und der dort getöteten Opfer leugnet...

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Zeltsiedlung Rakovica bei Sarajevo für Kosovo-Roma
Zeltsiedlung Rakovica bei Sarajevo für Kosovo-Roma

Kosovo-Roma in Bosnien und Herzegowina

Noch immer leben in Bosnien und Herzegowina zwischen 2.000 – 3.000 Roma vom Kosovo, die während des Kosovo-Krieges jedoch auch danach als Flüchtlinge nach Sarajevo und andere bosnischen Städte kamen. 
Sie flüchteten in drei Wellen nach Bosnien und Herzegowina.
In der ersten Welle zwischen Juni und November 1998 kamen vom Kosovo zusammen mit Albanern viele Roma nach Bosnien und Herzegowina. Unter 15.000 Albanern waren ca. 800 Roma. Die Mehrheit von ihnen kam aus Orahovica, Vucitrn, Pec, Decani und Prizren. Damals flohen sie vor dem Morden und Vertreiben seitens der serbischen Seite.
Die zweite Welle der Anreise der Roma nach Bosnien und Herzegowina war während der NATO-Angriffe im Kosovo. Damals kamen unter 50.000 Albanern auch 2.000 Roma nach Bosnien. Diese Roma wurden wie Albaner zu Opfern von Massendeportationen, Ermordungen, der Deportation in Lager, der Enteignung von Dokumenten und des Eigentums.
Die Bosnisch-herzegowinische Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker hat von vielen Aussagen genommen. Unter mehr als 1.000  Gesprächen mit Kosovo – Albanern sind ca. 300 mit Kosovo-Roma geführt worden. Die Systematik der Vertreibung verlief mit der gewohnten Dynamik. Die Roma wurden zuerst verhört, man forderte von ihnen Geld und andere Wertsachen, die serbische Polizei zwang sie zur Aussage, sie würden vor den NATO-Angriffen Angst haben und vertrieb sie schließlich.


Pristina (Siedlung Velanija)
In der Pristina-Siedlung Velanija wurde an der albanischen und Roma-Bevölkerung ein Massaker durch die Arkan-Truppen verübt. Dies geschah Anfang April 1999. Unser Zeuge sah, wie gleichzeitig in dieser Siedlung albanische und Roma-Häuser angezündet wurden. Am 3. April 1999 wurden alle Läden und Geschäfte albanischer Besitzer angezündet und vollkommen zerstört.
Unser Zeuge erkannte die Truppen Arkans: Alle hatten kahle, rasierte Köpfe, waren von sehr korpulentem Körperbau und bewaffnet mit halbautomatischen Kleinkalibergewehren, fuhren in schwarzen Jeeps und in schwarzen Limousinen mit verdunkelten Scheiben.
Die Truppen Arkans sind nach den Worten unseres Zeugen am 27. März 1999 beginnend mit Einbrüchen in albanische Häuser aktiv geworden. Sie suchten nach Gold, Geld und anderen Wertsachen und zwangen dann die Bewohner, ihre Häuser zu verlassen.
Neben den Truppen Arkans gab es dort auch andere paramilitärische Einheiten, die Tarnanzüge und auch Masken über dem Gesicht trugen.
Der Befragte N. ist 28 Jahre alt, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. 1991/1992 wurde er in die Jugoslawische Volksarmee (JNA) zwangseingezogen. Den Wehrdienst leistete er in Titovo Uzice. Alle seine anderen Familienmitglieder sind im Kosovo geblieben; er weiß nichts über ihr Schicksal.
Unser zweiter Zeuge ist 23 Jahre alt, ist verheiratet und hat drei Kinder. Den Wehrdienst leistete er in Subotica während der Jahre 1995/1996.
Er wurde Anfang April 1999 mit noch anderen 150 Roma in einen Zug gesteckt (von Arkans Männern) mit der Erklärung, man würde sie nach Belgrad bringen. In Belgrad wurden sie dann von Journalisten und Vertretern der Medien empfangen. Sie mussten das aussagen, was man ihnen aufgeschrieben hatte, nämlich, dass sie nach Belgrad gekommen sind, da sie Angst vor einer militärischen NATO-Intervention hätten. Nach dieser Aussagegebung mussten sie weiter nach Nis fahren. Ein Fernsehteam des Belgrader Fernsehens begleitete die Roma und zwang sie dazu, auszusagen, sie würden vor den Terroristen im Kosovo und den NATO-Angriffen fliehen. In Mladenovac wurden an diesen Zug noch zwei weitere Waggons voller Roma gehängt. In Nis ließ man alle Roma aus den Waggons gehen. Sie gingen dann zu Fuß in Richtung Montenegro. Aus Montenegro wurden sie mit Bussen über Republika Srpska nach Sarajevo gebracht. Serbische Polizisten nahmen ihnen alle persönlichen Dokumente ab und vernichteten sie.
Unser jüngster Zeuge wurde 1982 geboren und war Schüler einer Oberschule in Pristina. Er sagte aus, dass Arkans Männer seinen Vater, seine drei älteren Brüder, seine Onkel und andere männliche Familienmitglieder abgeführt hätten. Sie wohnten in einem albanisch besiedelten Viertel Pristinas. Seine Mutter und Schwestern wurden seitens serbischer, völlig maskierter Einheiten abgeführt. Der Junge schaffte es zu fliehen, die Männer Arkans konnten ihn jedoch beim Verlassen der Stadt gefangennehmen und zum Eisenbahnhof bringen. Dort wurde er gewaltsam in den schon für Roma vorgesehenen Zug gesteckt. Zusammen mit anderen Roma musste er denselben Weg von Pristina nach Belgrad und von Belgrad nach Nis fahren.


Pec (Siedlung Novo Selo)
Die Roma-Frau N.N. kam am 15. April 1999 nach Sarajevo. Sie ist 36 Jahre alt, ist verheiratet und hat vier Kinder. Sie kommt aus der Umgebung der Stadt Pec, präziser gesagt aus der Roma-Siedlung Novo Selo. Sie kam alleine mit ihrer vierjährigen Tochter, da Arkans Männer ihren 34jährigen Ehemann und ihre drei Söhne im Alter von 16, 13 und 8 Jahren, also alle männlichen Mitglieder der Familie, abgeführt haben. Auch haben sie dieses Roma-Dorf zerstört. Sie hat gesehen, wie ihr Onkel und sein Sohn getötet wurden.
Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf ist sie in den Wald geflüchtet und irrte dort 10 Tage lang herum. Auf dem Weg sah sie viele Leichen. Sie war sehr besorgt um ihre Liebsten. In Sarajevo schlief sie auf dem Eisenbahnhof, wo all jene bleiben mussten, die keine Verwandten und Freunde in der Stadt hatten.
Alle männlichen Roma Kosovos haben einen Mobilisierungsbefehl per Flugblatt erhalten.



Die dritte Welle der Anreise der Roma nach Bosnien und Herzegowina fand nach dem Abschluss der NATO – Angriffe statt. Die Rückkehr der Albaner in den Kosovo bedeutete für Roma eine erneute Vertreibung und Verfolgung, die leider noch bis heute andauert. Da einige Roma die Serben beim Kosovo-Krieg unterstützt haben, richtet sich die Wut der Kosovo-Albaner nun auch gegen alle Roma. Roma sind sehr leicht zu erkennen - einmal an ihrer dunkleren Hautfarbe, aber auch daran, dass sie meist Romanes oder Serbisch sprechen. Auch andere Minderheiten, neben Serben und Roma, sind nach der Rückkehr der Albaner in den Kosovo nicht selten Opfer von nationalistischem Wüten oder Racheakten geworden. Obwohl nach der Unabhängigkeitserklärung vom Kosovo und der Einrichtung der kosovarischen Regierung und Institutionen deklarativ alle Einwohner des Kosovo gleichberechtigt sind, ist dies leider im alltäglichen Leben noch immer nicht ganz der Fall.  


Prizren
Am 06.06.1999 kamen 23 Roma aus Prizren nach Sarajevo, davon 15 Kinder und 8 Erwachsene. Sie sagten für uns aus, sie wären zuerst von den Serben aus Prizren vertrieben. Man schoss auf sie, wobei eine Person an der Schulter und am Bein verwundet wurde. Sie versteckten sich im naheliegenden Dorf Klina, wurden aber von dort durch  Albaner vertrieben. Sie befürchten nun Rache und möchten nicht zurückkehren.
Eine andere Roma-Familie wurde am 15.05.1999 aus Prizren vertrieben – Ehemann, Ehefrau und vier Kinder. Sie fuhren mit Bus nach Belgrad. In einem Telephongespräch mit ihnen erfuhren wir, dass sie von den Albanern misshandelt und geschlagen worden sind. Am 21.05.1999 wollte der Vater seine Schwester in Djakovica besuchen. Er musste zu Fuß gehen. Auf dem Weg wurde er aber von Albanern aufgehalten und eingesperrt. Neun Tage lang war er im Gefängnis. Sie haben ihn gequält und von ihm das Geständnis gefordert, er wäre ein Spion. Sie schlugen ihn beinahe zu Tode und ließen ihn dann frei. Nach seinen Worten sind Albaner in der Nacht in sein Haus  eingebrochen und haben sie vertrieben. Er möchte nicht mehr in den Kosovo zurückkehren.


Pristina (Crkvene Vodice)
Die Roma-Frau N., die während des gesamten Krieges im Dorf Crkvene Vodice unweit von Pristina gelebt hat, kam Ende Juni 1999 nach Sarajevo. In diesem Dorf gab es 150 Roma-Häuser – sie sind jetzt alle zerstört. Albaner aus Drenice gründeten eine paramilitärische Einheit, die diese Roma vertrieben hat. Dem Bruder der Zeugin setzten sie eine Pistole an den Hals und befahlen ihm, das Dorf sofort zu verlassen. Nach ihren Worten werden Roma auch  von Serben aus Belgrad und Nis vertrieben. In der Öffentlichkeit und in den Medien spricht man davon, dass ca. 6.000 Serben  nach Kosovo zurückgekehrt sind. Unsere Zeugin behauptet, dass dies nicht Serben sondern Roma sind. Sie bilden ein menschliches Schutzschild zwischen Serben und Albanern.
Unsere Zeugin behauptet auch, dass Albaner einige Roma-Frauen aus dem Dorf Subotici bei Pristina vergewaltigt haben sollen.

Urosevac
Der 45jähriger Händler, ein Roma aus Urosevac, befindet sich seit April 1999 zusammen mit seiner fünfköpfigen Familie in Sarajevo. Seine Ehefrau ist schwer krank, hat Lungenkrebs und wird krankenhäuslich betreut. Er ist vor dem serbischen Messer geflohen.
Seine Schwester R.H. kehrte nach der Beendigung der NATO – Angriffe in ihr Familienhaus in Urosevac zurück. Albanische Extremisten fielen jedoch zwei Tage später in ihr Haus ein, sie vergewaltigten und verletzten sie, um dann anschließend das Haus zu plündern. R.H. forderte Hilfe von KFOR-Soldaten, die ihr erste Hilfe boten und sie dann zu einer weiteren Behandlung nach Skoplje sandten. Dieses Mädchen hat schwere psychische Probleme und hat 40 kg an Gewicht verloren.

S.B., geboren in Skopje und aufgewachsen in Urosevac, ist ein Albaner, der nicht albanisch spricht. Er hat serbische Schulen besucht. Anfang April 1999 wurde er zusammen mit  anderen Albanern  vertrieben. Nach den NATO-Angriffen kehrte er im Juli 1999 nach Urosevac zurück. Sofort nach seiner Ankunft wurde er jedoch zum Opfer der Rache albanischer Nationalisten, da er nicht Albanisch spricht. Zwei Worte auf Serbisch genügten, um bewusstlos geschlagen zu werden. Er bat die KFOR-Truppen um Hilfe und kehrte schließlich wieder nach Bosnien zurück.


Die Roma vom Kosovo, die in Bosnien und Herzegowina leben, sind in folgenden Kollektivzentren untergebracht: Rakovica (Sarajevo), Breza, Bosanski Petrovac, Srednje, Zenica, Tuzla, wie auch in der Roma-Siedlung in Mostar.

Das Problem der Kosovo-Roma, die nach Bosnien und Herzegowina geflohen sind, ist, dass sie keine Möglichkeit haben, Asyl in Bosnien und Herzegowina zu bekommen, da die bosnisch-herzegowinische Verfassung eine solche Möglichkiet nicht vorgesehen hat. Diese Roma haben nur einen vorübergehenden Status von Flüchtlingen. Ihre Kinder gehen nicht zur Schule, die Erwachsenen können trotz einer bestimmten Ausbildung nicht arbeiten, da auch die Mehrheit der Bosnier keine Arbeit hat.
Die Kosovo-Roma fürchten sich vor der Rache der Kosovo-Albaner auch auf dem Territorium von Bosnien und Herzegowina.
Die Bosnisch-herzegowinische Sektion hat im Mai 1999 den Kosovo-Roma dabei geholfen, die Union Roma für Kosovo mit Sitz in Sarajevo zu gründen. Der Vorsitzende ist Imer Hasani.
Die größte Zahl der Kosovo-Roma lebt in der Zeltsiedlung in Rakovica (Sarajevo), in Breza und in der Zeltsiedlung Bosanski Petrovac.

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