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26-06-2015 13:30

Im Anlass an die Kennzeichnung des 26.Juni – Internationalen Tages gegen Folter Es ist skandalös, dass der Staat Bosnien und Herzegowina trotz der gerichtlich festgelegten Tatsachen noch immer nicht das Gesetz über Rechte der Folteropfer verabschiedet hat und damit die Existenz der Konzentrationslager und der dort getöteten Opfer leugnet...

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Roma-Siedlung bei Bijeljina
Roma-Kinder in einer Siedlung bei Bijeljina

Diskriminierung  und Schikanen gegenüber Roma


Die Bosnische Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker hat in der Zeit von 1997 bis heute zahlreiche Vorfälle der Diskriminierung, Misshandlung und Schikanen gegenüber Roma verzeichnet. In der Föderation von BiH war dies besonders im Gebiet des Tuzla-, des Zentralbosnien– und des Zenica-Doboj – Kanton der Fall. Ein besonderes Problem war die Forderung zum Zahlen einer sogenannten Militärsteuer für diejenigen, die Bosnien und Herzegowina während des Krieges verlassen hatten. Die Roma-Rückkehrer wurden nach der Rückkehr mit vielen Problemen konfrontiert. Eine Bedingung für den Erhalt von persönlichen Dokumenten und Ausweisen war das Zahlen der erwähnten Steuer, die abhängig von der jeweiligen Gemeinde zwischen 4.000 und 8.000 DM betrug.
Dieses Problem lösten wir in Zusammenarbeit mit dem Föderalen Ministerium für Flüchtlinge, welches eine Verordnung ansetzte, nach der alle Gemeinden ihre lokalen Gesetze von der Militärsteuer aufheben mussten.

Das Schikanieren und die Diskriminierung der Roma ist jedoch in der Republika Srpska stärker ausgeprägt als in der Föderation. Eine ungewöhnlich hohe Prozentzahl der Roma aus der Republika Srpska beklagt sich über Vorkommnisse von Beleidigungen und anderen Formen von Bedrohung wegen ihrer nationalen Abstammung durch ihre Nachbarn.
Die wenigen Roma, die in der Republika Srpska geblieben sind, mussten, um sich vor der Vertreibung und Schikanen zu retten, ihre Namen, die meist muslimisch waren, ablegen und dafür serbische annehmen. Dies war der Fall bei Roma aus Bijeljina, Ugljevik, Zvornik, Brcko und Bosanska Gradiska.

In Banja Luka befand sich 3 km vom Stadtzentrum entfernt die Roma-Siedlung „Veseli Brijeg“. Während des Krieges wurden beinahe alle Bewohner dieser Siedlung vertrieben, nur zehn Roma  sind geblieben.
 Der Roma-Dichter Semso Avdic, der die Gedichtsammlung „Roma von Geburt bis zum Tod“ geschrieben hat, hat nach dem Krieg versucht, nach Banja Luka zurückzukehren. Er hatte ein großes und schönes Haus im Zentrum der Stadt, aber die serbische Familie, die sich darin angesiedelt hatte, verbat ihm, es zu betreten, so dass er als Rückkehrer im Keller des Hauses leben musste. Nach jahrelangen Strapazen ist Semso Avdic mit seiner Familie wieder aus Banja Luka und Bosnien und Herzegowina ausgesiedelt. Heute lebt er in Schweden und träumt über seine Siedlung "Veseli Brijeg".

Die Roma befinden sich in einer nicht-beneidenswerten sozio-ökonomischen Situation, da 70 % von ihnen ihre physische Existenz nicht ohne Sozialhilfe sichern können, und sogar 90 % von ihnen kein Recht auf eine kostenlose Krankenversicherung haben. Nur eine sehr kleine Zahl von Roma hat Arbeit oder ein abgesichertes Einkommen. Die übergrosse Mehrheit der Roma-Kinder geht nicht zur Schule.

Man muss die Tatsache betonen, dass die vertriebenen Roma in ihre Häuser zurückkehren wollen. Nur Wenige können jedoch auch wirklih in die eigenen Häuser einziehen.
Beispiel Bijeljina: Vor dem Krieg lebten in Bijeljina zwischen 6.000 und 7.000 Roma, sie waren sehr reich und wohnten in großen Häusern. Heute leben diejenigen, die zurückgekehrt sind, in Scheunen, Garagen und Zelten, während in ihren Häusern Serben leben und dort sogar Institutionen der Republika Srpska untergebracht waren.

Die Rückkehr der Roma ins Gebiet der Föderation verläuft nicht mit der erwünschten Dynamik. Wenn es sich um die Gebiete handelt, die unter der Kontrolle kroatischer Regierungen stehen, ist  die Rückkehr minimal. Auf der anderen Seite verhindert man die Rückkehr der Roma ins Gebiet unter der Kontrolle der bosniakischen Regierung nicht, sie ist jedoch mit zahlreichen Problemen verbunden. Nicht selten verwehrt man ihnen das Betreten von z.B. Schwimmbädern oder Restaurants. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe werden sie häufig ausgelacht, in einige Fällen sogar auch angegriffen. Verzeichnet wurden auch Fälle, dass sie von den internationalen Friedenskräften (SFOR) verhaftet und verhört wurden, da sie ihnen wegen ihrer dunklen Hautfarbe verdächtig erschienen sind. 


Konkrete Beispiele


Banovici – Siedlung Veseli Brijeg
Die Gemeinde Banovici hat (wie auch viele andere Gemeinden in der Föderation: Zavidovici, Kalesija, Zivinice, Maglaj) für alle männlichen Bürger, die sich während des Krieges außerhalb der Grenzen Bosniens und Herzegowina aufgehalten haben, eine Kriegssteuer erlassen. Dies galt für den Zeitraum vom Anfang bis zum Ende des Krieges, vom 01.07.1992 bis zum 31.12.1995, und zwar in einer Höhe von 300 DM für jeden Monat des angegebenen Zeitraums.
Besonders Roma waren von dieser Steuer betroffen. Sie waren die ersten, die aus Deutschland und der Schweiz abgeschoben wurden. Um sich in ihrem Wohnort anzumelden, mussten sie einen neuen Personalausweis und andere Dokumente beantragen, dies konnten sie jedoch erst dann regeln, wenn die „Kriegssteuer“ im Betrag von etwa 12.000 DM beglichen war. Diese Behauptung bestätigte uns auch die schriftliche Forderung der Gemeinderegierung Banovici, die den Roma Mustafic Fahrudin dazu aufforderte, die geforderte Summe für die „Kriegssteuer“ an das oben angeführte Organ auszuzahlen, damit er seine Rechte weiter einfordern könne.
Im Gespräch mit den Roma aus der Siedlung „Veseli Brijeg“, die sich außerhalb von Banovici befindet, haben wir erfahren, dass sie Rückkherer aus Deutschland sind (ca. 50 von ihnen) und dass sie ohne Bezahlung der Steuer keine Rechte geltend machen können. Das, was wir in dieser Siedlung gesehen haben, war schockierend. Sie besteht eigentlich aus Überresten einer Siedlung, einigen zerfallenen Häusern, in denen nun diese Roma leben. Vor dem Krieg lebten dort ca. 200 Roma. Der Kriegsgeschehnisse wegen haben sie die Siedlung verlassen und sich in der ganzen Welt verteilt. Die Mehrheit von ihnen lebte in Berlin. Diese „Steuer“ sahen wir als Verletzung der Menschenrechte an und forderten deshalb eine offizielle Stellungsnahme des Ministeriums für Flüchtlinge und umgesiedelte Personen an. Wir erhielten eine Antwort, die gleichzeitig auch eine Bestätigung war, dass das Einführen der sogenannten „Militärsteuer“ illegal ist und dass alle, die in der Zukunft diese einfordern, strafrechtlich verfolgt werden.
Dank der deutschen humanitären Organisation „Help“ wurden bis heute in dieser Siedlung ca. 50 Häuser wiederaufgebaut, so dass die Lage der Roma in dieser Siedlung verglichen mit früher viel besser ist.


Kakanj -  Varda
Ein extremes Beispiel hierfür ist die Roma-Siedlung Varda, die sich im Zentrum von Kakanj befindet. Von den insgesamt 600 Einwohnern dieser Siedlung sind 250 Kinder. Keines dieser Kinder besucht die Schule. Als Grund für das Nichtbesuchen der Schule führen die Eltern an, dass sie nicht in der Lage sind,  Bücher, Kleidung und Schuhe für die Kinder zu besorgen. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden dieser Roma-Gemeinschaft, Idriz Pasaga, erfuhren wir, dass die Roma-Kinder aus dieser Siedlung von anderen Kindern in der Schule der zerrissenen Kleidung und Schuhe und des schmutzigen Aussehens wegen schikaniert worden sind. Während unseres Besuches konnten wir uns von der Tatsache überzeugen, dass diese Roma in einem wahren Ghetto leben. Obwohl sich ihre Siedlung in unmittelbarer Nähe des städtischen Sportplatzes befindet, verfügen sie weder über eine Abflusskanalisation noch über Trinkwasser. Für 600 Menschen gibt es nur eine einzige Wassersstelle, die wie für das Wäschewaschen so auch für die Essenszubereitung dient. Um Trinkwasser zu besorgen, müssen sie 1 km weit laufen. Diese Siedlung hat nur eine einzige Toilette. Die Häuser befinden sich in einem Zerfallsstadium. Nur 20 Roma aus dieser Gemeinschaft haben Gelegenheitsjobs oder können als Tagelöhner das Überleben ihrer Familien sichern. Die anderen ernähren sich durch das Sammeln von weggeworfenen Lebensmitteln in Müllcontainern.
Unter diesen Roma gibt es auch viele, die aus Deutschland zurückgekehrt sind. Ihre Häuser sind beinahe alle zerstört worden. In unmittelbarer Nähe dieser Siedlung befindet sich auch die städtische Mülldeponie, so dass eine Ausbreitung von Seuchen möglich ist. Idriz Pasaga, der erwähnte Vorsitzende, hat sich im Gespräch mit uns über den Mangel an Hygieneartikeln wie Seife und Waschmittel beklagt.
Es ist uns aufgefallen, dass es in dieser Gemeinschaft sehr viele Kranke gibt, davon vier Querschnittsgelähmte. Da sie keine Krankenversicherung haben, müssen sie alle Medikamente selbst bezahlen, wofür sie aber kein Geld haben. Die Tatsache, dass sich diese Roma für die Armut, in der sie leben, schämen, hinterließ auf uns großen Eindruck. Sie sind der Meinung, dass diese Armut und ihr Roma-Ursprung der Grund dafür sind, weshalb sie schikaniert und vom Millieu, in dem sie leben, abgestoßen werden.

Die Siedlung Varda haben wir wieder zusammen mit Vertretern der deutschen Truppen der SFOR oder besser gesagt mit ihrer Organisation „Lachen Helfen“ besucht. Über diese Organisation konnten wir für die Roma aus der Siedlung Varda Kleidung, Schuhe für Kinder (weil dies Priorität war), Nahrung besonders für Babies und Decken sicherstellen. Da es im Winter sehr kalt wird, muss man für eine Heizmöglichkeit für diese Menschen sorgen. Sie benötigen aber auch Baumaterial für den Wiederaufbau ihrer Häuser. Die deutsche Einheit bei der SFOR versprach uns, sie würde auch für Rollstühle für die Querschnittsgelähmten sorgen.


Sarajevo – Crni Vrh – Gorica
In der Gemeinde Zentrum lebte vor dem Ausbruch der Krieges eine autochthone Roma-Population mit ca. 3.000 Mitgliedern. Die erste Siedlung dieser Roma war der Stadtteil Crni Vrh – Gorica, wo im Grunde mehr als 70 % der Roma-Population der Gemeinde Zentrum in Sarajevo ihren Wohnsitz hatte. Der andere Teil lebte hauptsächlich in den Stadtteilen Lovcenska, Sip, Kosevsko brdo, Bjelave.
Im Laufe des Krieges musste diese Gruppe wegen der unmittelbaren Nähe zu der Fronlinie und der instabilen Häuser wegen diesen Stadtteil verlassen und sich in die vollkommen zerstörten und verlassenen Wohnungen in den Stadtteilen Ciglane, Marin dvor und Kosevsko brdo einquartieren. Während der Aggression auf Bosnien und Herzegowina nahm ein großer Teil dieser Population aktiv an der Verteidigung des Landes teil und schloss sich der Armee Bosniens und Herzegowinas an. Obwohl diese Gruppe fast 5 % der gesamten Population dieser Gemeinde ausmacht, hat sie keine eigenen Vertreter in den Verwaltungsorganen.
Während des Krieges verließ ein Teil dieser Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, das Land der schweren Lebensbedingungen wegen. Geholfen wurde ihnen dabei von verschiedenen humanitären Organisationen. Sie fanden Zuflucht in Italien, Deutschland, Holland und anderen europäischen Staaten.
Nach der Unterzeichnung des Dayton-Friedensabkommens kehrten sie unter ersten in ihre Häuser, die sie einst verlassen hatten, zurück.
Die Roma aus der Gemeinde Zentrum, die einen ständigen Wohnsitz besaßen, verfügten meist über einen Oberschulabschluss  - eine operative Berufsausbildung, wobei Frauen meist nur die Grundschule absolviert hatten. Diese Roma waren daher als qualifizierte und hochqualifizierte Arbeitskräfte in der städtischen Wirtschaft tätig. Diejenigen mit niederem Schulabschluss waren beschäftigt bei der Stadtreinigung oder trieben Handel auf dem Markt.
Eine gewisse Zahl war auch im Dienstleistungssektor tätig. Aus diesem Grund war die Roma-Bevölkerung dieser Gemeinde sozial unabhängig. Ihr eigentliches soziales Problem waren  die unadäquaten Wohnverhältnisse und die damit verbundenen schlechten Lebensbedingungen. Sie wohnten ohne Wasseranschluss, ohne Zufahrt oder Zugang zu ihren Häusern, in unstabilen Baracken ohne Strom. Nur einem kleinen Teil der Gruppe gelang es, ein anständiges Haus zu bauen oder eine Wohnung vom Betrieb zu bekommen und so das Wohnungsproblem zu lösen.
Die Roma passten sich den Lebensbedingungen dieser Gemeinde und dem städtischen Leben völlig an. Sie behielten jedoch ihre nationale Identität bei.
Das Projekt des Wiederaufbaus dieser Roma-Siedlung Gorica-Crni Vrh wurde von World Vision, der italienischen Regierung wie auch lokalen Institutionen aus Sarajevo und der Föderation von BiH unterstützt und seit 2007 leben dort schon einige Roma-Familien. Noch ist die Siedlung jedoch nicht ganz wiederaufgebaut, so dass viele Familien noch immer nicht untergebracht sind und keinen festen Wohnsitz haben.
  
Die Roma haben ihrer Bevölkerungszahl wegen auch Anspruch auf spezifische Lehrbedingungen wie besonderen Sprachunterricht und entsprechende Lehrbücher. Da sie dies nicht fordern, sollte ihnen zumindest ermöglicht werden, ihre Kultur, Sitten und Bräuche auszuüben und zu pflegen, was im Grunde auch eine Bereicherung für die Stadt wäre, die damit den Ruf eines multikulturellen Zentrums beibehalten würde.

Ihr Leben sieht jedoch ganz anders aus: Sie haben meist keine Wohnung, keine Arbeit und auch keine Möglichkeit, in eigener Kultur zu leben und eigene Bräuche auszuüben. Die Gesellschaft ist dazu verpflichtet, dieser Problematik die erforderliche Aufmerksamkeit zu widmen, um diese ethnische Gruppe in sozialer Hinsicht abzusichern und sie auf eine adäquate Weise in die Aktivitäten des städtischen Lebens einzuführen.
Es ist unzulässig, dass diese Gruppe am Rande des Geschehens behandelt wird und als ein ständiges und unlösbares Problem auftritt.

Sarajevo - Siedlung Vrace
Die Roma aus der Posavina (Nordosten von Bosnien) haben ein sehr schweres Leben. Ihre Siedlungen sind zerstört, viele von ihnen wurden während des Krieges 1992 - 1995 getötet. Vierzehn Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages können Roma noch immer nicht in die Orte, aus denen sie vertrieben wurden, zurückkehren, da ihre Häuser vollkommen zerstört worden sind. Diejenigen, die sich in serbische Häuser angesiedelt hatten, mussten diese verlassen, da die Serben in ihre Häuser zurückgekehrt sind. Solch ein Fall können wir in der serbischen Sarajevo-Siedlung  Vrace erkennen, wo im Moment ca. 200 Roma leben, die aus Doboj, Modrica, Teslic vertrieben wurden. Sie leben teilweise noch immer in Ruinen und verlassenen Häusern. In ihre Vorkriegswohnorte können sie aus zwei Gründen nicht zurückkehren:
1) Ihre Siedlungen sind zerstört und nicht wiederaufgebaut worden.
2) Sie haben Angst vor den Kriegsverbrechern, die sie gefoltert und in Lagern gefangengehalten haben und noch immer auf freiem Fuß sind.
Beispiel: Das Ehepaar Osmanovic - Pasa Osmanovic (75 Jahre alt) und ihr Ehemann Osman Osmanovic (80 Jahre alt). Während des Zweiten Weltkrieges waren sie zusammen mit ihren Eltern im Ustascha - Konzentrationslager Jasenovac. Ihre Eltern wurden in diesem Lager getötet, sie als Kinder gefoltert.
Während des Krieges in Bosnien und Herzegowina 1992 - 1995 wurde dieses Ehepaar, welches acht Kinder hat, in das Tschetnik-Konzentrationslager Miljkovci (Doboj) deportiert. Die Ehefrau war gezwungen, alles zu tun, was ihr die Tschetniks befahlen. Sie wurde  geschlagen und zwar besonders auf den Kopf, man zog sie so stark an den Haaren, dass sie heute teilweise ohne Haare geblieben ist.

Srnica Donja
Die Mehrheit der vertriebenen Roma aus der Stadt Modrica lebt in diesem Dorf 30 km entfernt von der Stadt Gradacac. Die Mehrheit von ihnen lebt in selbstgebauten Hütten oder in den noch wenigen verlassenen serbischen Häusern. In diesem Dorf leben im Moment ca. 200 Roma-Familien. Sie leben von seltenen Tagelöhnerarbeiten, Verkauf von Altmetall und von humanitärer Hilfe, die leider immer seltener kommt.

Tuzla
Die grösste Konzentration der Roma-Siedlungen finden wir im Gebiet der Gemeinde Tuzla. Die Gesamtzahl der Roma übersteigt in diesem Gebiet die Zahl 5.000. Dazu kommt auch  die grösste Zahl der Roma-Rückkehrer aus Deutschland, die vor dem Krieg in Orten der heutigen Republika Srpska gelebt haben. Eine sorgsamere Analyse würde zeigen, dass ihre Entscheidung von der Unmöglichkeit der Rückkehr in ihre Vorkriegswohnorte  beinflusst wurde, jedoch auch dass sie das Bedürfnis hatten, sich physisch so nah wie möglich bei diesen Vorkriegswohnorten niederzusetzen, damit sie dann bei Möglichkeit einfacher und noch schneller in ihre Häuser zurückkehren können.


Mostar
Im südlichen Lager des Ostteils von Mostar befindet sich die Roma-Siedlung Karaserbes. In dieser Siedlung leben ca. 200 Roma in baufälligen Baracken und Wohncontainern. Diese Roma waren während der gesamten Kriegszeit in dieser Siedlung. Von den 200 Einwohnern haben nur zehn einen ständigen Arbeitsplatz bei der Stadtreinigung oder in der Tabakfabrik. Von den 110 Kindern  gehen nur 45 zur Schule. Diese Roma haben noch 150 Roma aus dem Kosovo aufgenommen, die dort noch immer als Flüchtlinge leben. Deren Kinder gehen nicht zur Schule.
In Vrapcici – einem Vorort von Mostar -  befinden sich noch immer etwa  100 Roma aus dem Kosovo.


Zivinice
In diesem Gebiet leben ca. 2.000 Roma. Am bedrohtesten ist die Roma-Siedlung „Nova pruga“, in der ca. 200 Roma in sehr schlechten Umständen leben – baufällige Häuser, keine Arbeit, kein Erhalt von humanitärer Hilfe. Ca. 120 Kinder im Schulalter gehen nicht zur Schule.
Eine ähnlich schwierige Situation finden wir auch in der Siedlung „Rasadine“ – Gornje Zivinice vor. Dort leben ca. 1.000 Roma. Ihre Häuser sind baufällig, sie haben kein Wasser, keine Zufahrtsstraßen, so dass sie über Bergwege laufen müssen.


Kalesija (Dorf Lipovice)
Das Dorf Lipovice zählt über 150 Roma. Dies sind hellhäutige Roma, die in einer sehr schwierigen Lage leben. Das größte Problem dieser Roma-Gemeinschaft ist das Fehlen einer passenden Straße, die sie mit den anderen Dörfern oder mit der Stadt Kalesija verbinden würde. Dieses Dorf befindet sich an der Grenze zur Republika Srpska und wurde während des Krieges sehr zerstört. In diesem Dorf befinden sich die Siedlungen „Staro Selo“ und „Memici“. Beinahe alle Roma aus diesen Siedlungen sind während der Kriegsgeschehnisse nach Deutschland geflüchtet. Der Senat der Stadt Berlin hat ihnen den Wiederaufbau der Häuser versprochen, bis heute wurde daran jedoch nichts getan.


Bijeljina
In Bijeljina lebten bis zum Krieg 7.000 Roma. Die Roma-Siedlung in Bijeljina galt vor dem Krieg als die Elite-Siedlung der Stadt. Jede Roma-Familie hatte mindestens ein Mitglied, das vorübergehend im Ausland, meist in Deutschland, beschäftigt war. Ihren gesamten Verdienst investierten diese Roma in den Bau großer Häuser. Nach der Vertreibung der Roma wurden in diesen Häusern Büros der Armee, Polizei und verschiedene Ministerien untergebracht. So war im Haus von Ismet Husic das Ministerium für Flüchtlinge und umgesiedelte Personen – Bijeljina und das Institut für die Herausgabe von Schulbüchern der Republika Srpska untergebracht. Der Staatssicherheitsdienst befand sich im Haus von Hamdija Husic, das Militärgericht und die Militär-Staatsanwaltschaft im Haus von Hajdar Bajric, das Zweite Militärkorps der Armee der Republika Srpska im Haus von Rifet Hasimovic und das Institut für Unterrichtswesen im Haus von Azem Omerovic.
Nach dem Massaker am 06.04.1992, bei dem zahlreiche Roma aus Bijeljina ermordet wurden, kam es zur großflächigen Vertreibung der Roma aus Bijeljina.
Heute kehren sie in ihre Stadt und ihre Häuser zurück. Viele können jedoch noch immer nicht in ihre Häuser zurück. Da sie die Häuser vor dem Krieg ohne Bauerlaubnis gebaut haben, möchte man ihnen die Häuser nicht mehr zurückgeben und droht mit dem Abriss. Die meisten Rückkehrer leben daher in selbstgebauten Bretterverschlägen und Wohnwagen. Nach den Worten von Pasaga Beganovic, dem Vorsitzenden der Roma – Vereinigung der Republika Srpska leben die Roma-Rückkehrer in Bijeljina wie unerwünschtes Ungeziefer. Sie warten nur darauf, dass man sie vertreibt und fragen sich, wo sie dann unterkommen könnten.
In der Roma-Siedlung Dasnice in Bijeljina hat die serbische Stadtleitung 40 baufällige Roma-Häuser abgerissen. Die Roma kehrten jedoch an die Fundamente ihrer abgerissenen Häuser zurück und bauten eine „provisorische Unterkunft“ aus Plastikplanen und Brettern auf. Die Bürger Bijeljinas beizeichnen diesen Stadtteil als „Wilden Westen“.
Die Roma-Kinder gehen nicht zur Schule, da die Eltern befürchten, man würde sie dort nicht akzeptieren.

Hamdija Husic, Vertreter der Roma aus der Republika Srpska, mit dem wir in Gorica sprachen, sagt, dass es in Bijeljina 927 Familien gibt, die nicht in ihre Häuser einziehen können.
"Wir Roma aus der Republika Srpska hatten vor dem Krieg jeweils mehrere große Häuser. Mit Beginn des Krieges mussten wir fliehen, so dass sich serbische Familien in unseren Häusern ansiedelten, die sie auch heute noch nicht verlassen  wollen. Es ist schrecklich, dass Roma trotz ihrem Eigentum in Zelten, Kellern, leerstehenden Scheunen und Orten voller Schlangen und Ratten schlafen müssen. Und nicht nur das. Für uns ist es am schlimmsten, dass wir uns in unserer Stadt nicht frei bewegen können" - sagt Husic verbittert.
Er sagt, dass die dortige Bevölkerung sie auf den Straßen sofort erkennt und ihnen dann droht. Sie sagen: "Was wollt ihr hier, geht in euren Staat zurück." Einige Roma-Kinder wurden in den Schulen der Republika Srpska verprügelt, so dass die Roma nun ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken. Husic sagt, dass die Roma in der Republika Srspka absolut keine Mittel zum Überleben haben. Sie haben keine Arbeit, bekommen auch keine humanitäre Hilfe oder Spende. Sie können nur schwer ihre Kinder ernähren. Einige von ihnen sind gezwungen zu betteln. Die Lage ist auch in Brcko, Banja Luka, Prijedor, Modrica nicht anders. Husics Frust ist groß:
"Wir hatten uns auch an internationale Vertreter gewandt, uns bei der Lösung unserer Probleme, besonders der Rückerstattung des Eigentums, zu helfen. Bis jetzt wurde da nichts getan. Überall werden drei gleichberechtigte Völker in Bosnien und Herzegowina genannt, da frage ich mich, wo sind denn wir."

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